Walcker-Orgelbau seit 1780

nächste Reisen...

Palmares, Opus 402, 1888

Die nächsten zwei Monate brechen wir wieder zu einer epischen Reise in den Nahen Osten und anschließend nach Mittelamerika auf. Ein Abenteuer voller Herausforderungen und Aufgaben erwartet uns in den pulsierenden Städten San Salvador, San José und Cartago.
In den antiken Gemäuern von Palmares erhebt sich eine zeitlose Schönheit – die älteste Orgel Costa Ricas, Walcker Opus 402, erbaut im Jahr 1882. Hier wurden wir gebeten, vorzutragen welche Mittel und Möglichkeiten bei der anstehenden Restaurierung aufgewendet werden müssen. Doch auch in Grecia, wo das ehrwürdige Walcker Opus 478 aus dem Jahr 1886 thront, in einer Metallkirche, die wegen der Erdbebengefahr aus Belgien geliefert wurde, schlug die Natur unbarmherzig zu.
Das Erdbeben im Jahre 2012 hinterließ seine Spuren, nicht nur in der Stadt Grecia sondern auch an der Orgel. Der Bassbereich, von Holzschädlingen befallen, hat an Intensität gewaltig nachgelassen, auch die kleinen Metallpfeifen sind malträtiert. Die Stimmung ist miserabel.
So ist in Costa Rica tatsächlich die einzige Orgel, das von uns 2015 restaurierte Werk in der Basilika Cartagos eingebaute Walcker Opus 3589, die von ein paar elektrischen Störungen abgesehen, voll spielbar ist und täglich in den Gottesdiensten gespielt wird.
Seit Bodenpersonal, Fluglotsen und Bahnpersonal Germanien voll im Griff zu haben scheinen, wird Reisen nicht nur im Orient und Übersee immer spannender und von daher ist eigentlich alles Planen und Vorsorgen reines Glückspiel, oder "Warten auf Godot". Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass man Flugzeugen hinterher hechelt, wie zuletzt in Mexiko, um dann selig in der Heimat einzuschlafen vor der herrlichen Programmvielfalt unserer Medien.

Stimmuhr

Wer die ursprüngliche Stimmtemperatur bei einer Orgel ermitteln will, kann dies ohne große Berechnungskünste mit der abgebildeten Stimmuhr vornehmen. Für uns hilfreich war dies, als wir eine abschliessende Stimmung bei 34 Grad Celsius in Amman durchführen mussten. Da ist es ein Segen, eine solche Uhr zu haben, wo einfach eingestellt werden kann, auf welche Normaltemperatur die Pfeife (a' =440Hz bis 444Hz) eingestimmt war. Tatsächlich konnten wir an dieser Stimmuhr ablesen, dass die erforderliche Stimmung des Pfeifenwerks bei 16-20 Grad Celsius stattgefunden haben musste.
Zum Zusammenbasteln aus der Vorlage: bitte zwei Kopien anfertigen, dann den oberen Ringe sorgfältig ausschneiden, den Mittelpunkt durchbohren und die beiden Papierhälften mittels Messingklammer verbinden und das Ganze auf harten Karton aufkleben.

Oscar und Familie 1904

Dieses schöne Foto zeigt Oscar Walcker mit Familie in den Ludwigsburger Favoritengärten im Jahre 1904.
Schön gelöst steht Oscar da, rechthändig auf seinen Bruder Friedrich gestützt. Die Kinder Heinrich und Hildegard, meine Großmutter, zu seinen Füßen. Ein Jahr später hatte Oscar die entscheidende Auseinandersetzung mit seinem Onkel und Kommerzienrat Karl Walcker in Sachen Weiterentwicklung der Orgeltraktur. Dann nämlich setzte sich Oscar gegen Karl mit der "elektrischen" durch, als er in München mit Max Reger dessen Orgel im Odeonsaal auf elektropneumatische Kegelladen einbaute. Zur Zeit, als dieses Foto gemacht wurde, waren die Planungen dafür in vollem Gange.

Klaus Schulten "Orgeln im Nahen Osten"

Orgeln in Nahost, das wäre eine recht umfangreiche Lektüre. Aber der Untertitel belehrt uns, dass das Syrische Waisenhaus Jerusalem und seine Orgeln im Spiegel der Zeit darunter verstanden sein sollen. Somit sind nur die von uns installierten beiden Orgeln nach dem Libanon (Khirbet Kanafar) und Jordanien (Russeifa) noch existent. Der übrige Textteil des Buches stützt sich auf Orgelhistorie von 1898 bis zu nicht mehr realisierten Orgelplanungen von Hermann Schneller 1965.
Als Anhang wurde noch zu Ehren der Firma Weigle die Orgel der Erlöserkirche Jerusalem hinzugefügt, was aber mit dem syrischen Waisenhaus eigentlich nichts zu tun hat.
Das Buch enthält mehrere Schriftensammlungen, die das Werk und Denken von Hermann Schneller ehren. Der Gedanke von Mission und Ökumene in Nahost, wir haben es selbst erst vor wenigen Monaten erfahren dürfen, lebt auch heute in diesen extrem schwierigen Zeiten weiter, aber in anderen Formen.

Morelia, Mexico, Opus 1188, III/58

Zurückgekehrt aus einer Reise nach Mexico.
Die Walcker-Orgel wurde in den 1960er Jahren von Tamburini klanglich stark beeinträchtigt. Das und seine nun obsolet gewordene Elektrotechnik müssen ausgetauscht werden. Dazu haben Anfang der 2000er Jahre Amerikaner an der Orgel gewirkt, indem die über 3600 Bälgchen mit Polypel bestückt wurden. Auch hat man Teile der Windanlage neu beledert und das Pedal mit 145mmWS hochgefahren, was klanglich eruptive oder eher abschreckende Wirkungen verursachen kann.
Neben der technischen Substanz haben wir so auch einen Verlust der klanglichen Grundstruktur zu verzeichnen. Es wird in jedem Fall schwierig, das Ganze wieder auf ein Niveau von 1905 anzuheben. Klar ist auch, dass zuerst einmal unsere Konzentration auf die technische Erneuerung aller Trakturteile gerichtet werden muss.

unsere Orgel in Moyeuvre Grande - France

Orgeln im Nahen Osten, Klaus Schulten

Aus "Schneller-Magazin 3/2023 Sept.2023

Opus 1441 Bonn-Obercassel, Große Kirche

Opus 1328 Hamburg Laeisz-Musikhalle

aus gegebenen Anlaß eingefügt Juli 2023 HH-Laeisz-Musikhalle.pdf [1052 KB]

über die Walcker-Orgel Opus 1328

In Schottland schließen unmittelbar 100 Kirchen

Von einem Freund und Orgelsachverständigen aus Schottland haben wir erfahren, dass in nächsten Monaten und Jahren zwischen 100-200 Kirchen schließen werden. Er hat mir eine Liste zugesandt, worauf nahezu 100 Orgeln nun als "redundant" (überflüssig) gehandelt werden. Unklar allerdings ist, ob hier noch Einschränkungen von den Denkmalämtern vorgenommen werden.
Interessenten, die an solchen Orgeln (darunter 2 Walcker-Orgeln in Glasgow und Montrose) interessiert sind mögen sich bei mir melden. Sobald wir definitiv Bescheid erhalten, dass hier Freigaben erfolgt sind, geben wir hier weitere Nachricht. Rückfragen an gerhard@walcker.com

We have been told by a friend and organ expert from Scotland that between 100-200 churches will close in the next few months and years. He has sent me a list of almost 100 organs that are now considered as"redundant". It is unclear, however, whether restrictions will still be imposed by the heritage authorities.
Those who are interested in such organs (including 2 Walcker organs in Glasgow and Montrose) may contact me. We will let you know as soon as we have received definite notification that these organs have been approved. Enquiries to gerhard@walcker.com

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György Ligeti am 28.Mai 2023 einhundert Jahre

Ja tatsächlich ist es bald soweit, dass der von mir hochverehrte Komponist, der im Jahre 2006 gestorben ist, bald mit einem großen Geburtstagsjubiläum von 100 Jahren in der Musikgeschichte gefeiert werden wird. Leider werden wir nicht in deutschen Landen anwesend sein, weswegen diese Feierlichkeiten hier auf unseren Seiten etwas vorgezogen wird.
Ligeti hat von 1967 bis in die Mitte der 1990 einen ausgiebigen Briefwechsel mit meinem Vater geführt, was vor allem mit seinem Vortrag im ersten Colloquium der Walcker-Stiftung für orgelwissenschaftliche Forschung im Januar 1968 begründet war. Diesen Vortrag habe ich hier komplett in OCR-fähigem PDF [182 KB] niedergelegt.
Seine Vorstellungen über eine Experimentierorgel wurde tatsächlich von der Firma Walcker 1968/69 teilweise umgesetzt, bei der ich Gelegenheit hatte als Lehrling die komplette elektrische Ausführung gestalten zu dürfen.
Durch mehrere Aufführungen der Volumina angeregt hielt ich im letzten Jahr meiner Lehre einen kleinen Vortrag über die Notenschrift und musikalische Gestaltung dieser interessanten Orgelmusik in der Orgelbauschule in Ludwigsburg.
Leider konnte die Firma Walcker sich nicht entschließen das Projekt "Experimentierorgel" mit aller Konsequenz durchzuführen, da nur sehr begrenzte Bedürfnisse an solcherlei Orgelgestalt vorhanden war.(siehe hierzu auch Brief Ligeti von 1968) [1704 KB]
Ligeti, der nur drei Orgelstücke geschrieben hat und sich dann von der Orgel abwandte fand dagegen bei Stanley Kubrick sehr wohl Gehör mit seinen "Atmosphères" und "Lux aeterna" im Film "2001, Odyssee im Weltraum.
Die Orgel, sie muss halt weiterhin träumen von großer Vergangenheit und leer gewordener Zukunft. (gwm)

Von Gelsenkirchen nach Papenburg

Im heutigen ARS ORGANO 3/2023 fand ich einen hervorragend geschriebenen Artikel von Dr. Thomas Lipski über die Walcker-Orgel, die von Gelsenkirchen nach Papenburg von Seifert transloziert wurde. Mit Herrn Dücker, der als Sachverständiger in Gelsenkirchen gewirkt hat, konnte ich ausgiebig über das Projekt sprechen und bin heute, nach Studium dieses Artikels von Thomas Lipski der Meinung, dass es durchaus ein gelungenes Projekt geworden ist.
Ein Problem scheint mir allerdings zu sein, dass ein Kirchenraum der so urplötzlich von einem dominierendem Instrument geprägt wird, ermöglicht, dass dies theologische Diskussionen aufwerfen könnte.
Den Artikel von Lipski fand ich jedenfalls so großartig, dass ich ihn eingescannt und als PDF für Bekannte zum Download bereitgestellt habe, die kein GDO-Heft zur Verfügung haben. Rückfragen hierzu an gerhard(at)walcker.com

Wurlitzer in Deutschland

Die größte Kino-Orgel auf europäischem Boden befindet sich derzeit im Musikinstrumentenmuseum in Berlin. Wir haben während unserer Arbeiten in Berlin dieses Instrument mehrfach besucht. Diese Orgel wurde ursprünglich am 28.August 1929 in die neu erbaute Konzerthalle der Siemensvilla Berlin geliefert und eingebaut. Das Instrument wurde von dem musikbegeisterten Besitzer der Villa, Werner Ferdinand von Siemens, bestellt (Fortsetzung auf unserem Blog)

von unserem Freund und Orgelbauer Vitaliy

erfahren wir, dass auch er in Lwiw (Lemberg) ins Militär eingezogen wurde. Seine Frau und Tochter konnten sich vorerst nach Polen retten.
Wir haben ihm unsere Hilfe angeboten und hoffen, dass der Widerstand der freien Ukraine gegen die russische Aggression Folgen haben wird.
Ich war im Jahr 2013 anlässlich einer Restaurierungsanfrage in Schitomir und habe dort verschiedene Vorschläge eingebracht. Es gibt auch einen ganz passablen Reisebericht aus der Ukraine. Auch in der Evang. Kirche in Schitomir wurde eine Walcker-Orgel gebaut unter Opus 1709. Ich hatte damals Gelegenheit mit zwei Bischöfen über die politische Lage im Land zu sprechen.
Mit Vitaliy haben wir sowohl in Costa Rica wie in San Salvador schöne Restaurierungen durchführen können.

die ehemalige Bornefeld-Orgel in Murrhardt

Aus aktuellem Anlass, ein Freund dieser Orgel hat mich gebeten, doch die Schallplatte von Frau Ullmann wieder zum Leben zu erwecken, was hierdurch geschehen ist.

Ein kleiner Kommentar sei erlaubt.
Wenn wir Handwerker eine Orgel zeichnen (gestalten), dann verwirklichen wir eine Sammlung von Eigenschaften, die meist nur optisch wahrgenommen werden können. Eine Orgel aber nehmen wir in der Regel mit allen fünf Sinnen wahr und besonders der Hörsinn gibt uns am Ende Aufschluss, ob wir dieses Instrument mögen oder nicht. Aber auch dies geschieht meist durch mehrmaliges Abtasten des Klanges durch das Hörorgan. Außerdem kommt hinzu, dass uns die Gegenwart und Vergangenheit, also die Historie Daten liefert, die wir meist unbewusst diesem Hörerlebnis beifügen. In der Regel ist es auch "alte Musik", die gut oder weniger gut interpretiert uns zur Orgel hin- oder wegführt. Am Ende eines Orgellebens nun muss man sich eingestehen, dass die Vielzahl an Eigenschaften eines solch komplexen Dinges wie einer bestimmten Orgel unendlich viele Möglichkeiten in sich birgt, die man nie restlos ausschöpfen kann. Und es kommt noch besser, oft wundern wir uns nach Jahren eine geliebte Orgel wie ein Rosenblatt in einem Erinnerungsalbum nun gar als verdorben anzusehen, wie bei mir geschehen bei der Murrhardter Bornefeld-Orgel. Schön war es das Holz im Schumannschen Kanon tröpfeln zu hören, mit dem Schalk der Kurzbechrigen sich widersprechend, weniger schön, gar abstoßend der aliqoutenstarrende Reger.... So also spricht die ewig irrende Wahrnehmung mit dem Ruf nach Ewigkeit.

Die Schallplatte von Elisabeth Ullmann wurde vom Verlag meines Vaters, dem Musikwissenschaftlichen Verlag mbH erstellt und am 3.Aug. 1978 durch Tonstudio Bauer aufgenommen und wird hier als MP3-Sammlung kurzfristig zur Verfügung gestellt.

(1) Wolfgang Amadeus Mozart - Fantasie f-Moll- 12'50 . mp3 [7178 KB]
(2) Dietrich Buxtehude – Präludium und Fuge fis-Moll – 7’30track-.mp3 [4483 KB]
(3) Max Reger – Fantasie über den Choral „Halleluja! – 15’45 mp3 [9330 KB]
(4) Robert Schumann – Fuge über B-A-C-H op60/5 – 2’13.mp3 [1336 KB]
(5) - Kanon op 56/5 – 2’38.mp3 [1585 KB]
Helmut Bornefeld “Die neue Orgel der Klosterkirche Murrhardt”, 7seitiges Heft des Konzipienten

Die letzte Walcker-Orgel für eine Synagoge

Die Orgel in den Templo Libertad im Zentrum von Buenos Aires wurde im Jahr 1931 mit 26 Reg. auf II.Manuale als Opus 2339 gebaut. Es war die letzte Synagogenorgel die Walcker vor der Machtergreifung baute. Merkel erinnerte daran, dass sämtliche für Synagogen gebaute Walcker-Orgeln während der Zeit des Nationalsozialismus zerstört wurden. "Eine wieder spielen zu hören" so sagte die gerührte Kanzlerin, "war sehr bewegend!".
In Argentinien gibt es, als ehemaligem Zufluchtsort von Mengele & Co. sowie der Vergangenheit einer Militärdiktatur, heftige Diskussionen in Sachen Antisemitismus und Vergangenheitsaufarbeitung. Diese Aufarbeitungen, wie wir das aus eigener Erfahrung wissen, sind wichtige Aufgaben, um die man in keinem Land herum kommt.
Jüdische Allgemeine 15.Juni 2017